Im Schwarzwald gibt es Orte, die noch immer fern und unzugänglich wirken. Ganze verlassene Komplexe, die einst an bewaldeten Hängen entstanden sind und nun langsam unter genau jenem Wald verschwinden, der sich seinen Raum zurückholt. Ein geschlossener Kreislauf der Natur. Der Mensch schneidet sich für einen Augenblick einen Platz frei, baut Mauern, Straßen und Räume – und irgendwann geht er wieder. Der Wald geht nie.
Der Ort lag so abgelegen, dass wir eigentlich keine Ahnung hatten, was uns dort erwarten würde. Wir verließen uns ausschließlich auf Karten und einige wenige, bruchstückhafte Beschreibungen. Dort, wo die Straße endete, mussten wir das Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Die gesamte Ausrüstung auf dem Rücken, ein warmer Nachmittag und eine eigentümliche Spaltung der Welt entlang des Weges: auf der einen Seite die Stille von Mauern und Ruinen, auf der anderen der beinahe unverschämte Gesang des lebendigen Waldes.
Die ersten Viertelstunden gehörten der Erkundung. Korridore. Noch mehr Korridore. Stockwerke, Zimmer, Durchgänge, die in weitere Durchgänge führten. Nach einer Weile kamen die ersten Orientierungsschwierigkeiten – dieser eigentümliche Moment, den man aus schlechten Träumen kennt, wenn man absolut sicher ist, hier schon einmal gewesen zu sein, aber nicht mehr sagen kann, wann oder aus welcher Richtung.
Erst ganz am Ende, als es schien, als hätte uns das Gebäude nichts mehr zu zeigen, bemerkten wir eine kleine, aufgebrochene Tür. So niedrig, dass man sich darin kaum aufrecht hinstellen konnte. Dahinter nachzusehen war fast nur noch Formsache. Wir erwarteten einen kleinen Abstellraum, vielleicht einen technischen Nebenraum.
Stattdessen gab es dort eine Treppe.
Gewunden, aus Holz, nach oben führend.
Zuerst vorsichtiges Prüfen der Bretter mit der Schuhsohle. Eines. Dann das nächste. Sie halten. Man kann weiter.
Diese unscheinbare Tür erwies sich als Portal in eine völlig andere Welt. Ein Stockwerk höher öffnete sich vor uns ein gewaltiger, beinahe kathedralenhafter Dachraum. Holzbalken und Rippen verschwanden hoch über unseren Köpfen und bildeten eine Konstruktion, die weniger an Architektur erinnerte als an das Innere eines riesigen, schlafenden Organismus. Das Licht drang durch wenige Öffnungen, schnitt durch den Staub und zerfiel in der Luft zu langen, reglosen Säulen.
Eigentlich mussten wir nichts besprechen.
Das war unser Ort.
Endlich konnten wir die schweren Rucksäcke abwerfen.
Das Konzept existierte bereits vorher. Wir mussten nur zulassen, dass der Raum es auf seine eigene Weise veränderte.
Sensorische Deprivation. Vollständige Abhängigkeit. Der Verlust der Orientierung – und nur eine einzige, einfache Möglichkeit, mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben.
Licht.
Dort oben auf dem Dachboden sah ich es nicht nur. Es wirkte beinahe materiell, wie etwas, das sich auf nackter Haut berühren ließ. Und genau die Haut sollte hier zum letzten verbleibenden Sinn werden.
Unter Maske und Augenbinde gab es keinen Raum mehr. Nur Dunkelheit. Stille. Keine Orientierungspunkte.
Ein paar unsichere Schritte genügten, damit die Weite des Dachbodens zu etwas völlig anderem wurde als noch einen Augenblick zuvor. Ohne Sicht und ohne die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, weiß man nicht mehr, ob die nächste Wand einen Meter entfernt ist oder zehn. Ob jemand neben einem steht. Ob man allein gelassen wurde. Ein großer Raum bedeutet dann keine Freiheit mehr. Im Gegenteil – er nimmt sie.
Es bleiben Staubpartikel im Licht. Wärme auf freiliegender Haut. Holz unter den Füßen. Stille.
Und eine Hand, die weiß, wohin sie führt.
Wir lehnen dich unter das Fenster.
Hier.
Genieß die Sonne.
Das wird dein Platz sein.
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