Die Kirschblütenzeit, bekannt als sakura oder hanami, ist eines der poetischsten Phänomene der japanischen Kultur, tief verwurzelt in ihrer Ästhetik und Weltanschauung. Von Ende März bis Anfang Mai verwandelt sich die Landschaft je nach Region in ein zartes Meer aus Weiß und Rosa und zieht Menschen an, die sich nach Licht, Farbe und einem kurzen Moment der Schönheit sehnen.
Die Kirschblüte symbolisiert seit Jahrhunderten die Vergänglichkeit des Lebens, die Zerbrechlichkeit der Existenz und die Unausweichlichkeit des Vergehens. Dieser kurze Moment der vollen Blüte, nach dem die Blütenblätter fast so schnell fallen, wie sie erschienen sind, erinnert an die Vergänglichkeit aller materiellen Dinge und an den Wert des gegenwärtigen Augenblicks. Dieser Gedanke ist eng mit dem japanischen Begriff des mono no aware verbunden - eine Sensibilität für die Schönheit der vergänglichen Dinge und die stille Melancholie, die ihr Verschwinden begleitet.
Hanami, oder "Blumen beobachten", ist nicht nur eine Tradition, sondern auch eine Art, den Frühling zu erleben. Es sind Spaziergänge zwischen den Bäumen, Momente des Innehaltens, des Gesprächs und der Kontemplation der Natur. Die Fotografie hat immer versucht, diesen Moment einzufangen - das weiche Licht, die Sanftheit der Farben, die Subtilität der Formen. Es ist diese Stimmung, die zum Ausgangspunkt für diese Session wurde.
Obwohl Japan nach wie vor eine Inspirationsquelle ist, sind wir dieses Mal nicht ans andere Ende der Welt gereist. Wir wollten sehen, ob sich eine ähnliche Atmosphäre auch hier vor Ort finden und nachstellen lässt. Dieses Fotoshooting in Eberbach entstand aus dem Bedürfnis heraus, das Frühlingslicht, die Ruhe und die besondere Stille, die zwischen Winter und Hochsommer herrscht, einzufangen. Es zeigte sich, dass Eberbach überraschend subtil, sanft und poetisch sein kann - man musste nur genau hinschauen.
Als Fotograf in Eberbach bin ich oft nicht nur auf der Suche nach Motiven, sondern auch nach Stimmungen. An diesem Tag ging es nicht darum, die japanische Ästhetik wortwörtlich zu kopieren, sondern zu versuchen, sie in die hiesige Sprache von Licht, Raum und Emotion zu übersetzen. Wir wollten Bilder schaffen, die eher einen Gemütszustand als ein Dokument eines Ortes darstellen - ein Bad in der Sonne, eine Ruhe, ein Moment, der außerhalb der Zeit steht.
Dieses Shooting zeigt, dass man nicht weit reisen muss, um visuelle Geschichten zu erzählen. Manchmal braucht man nur eine vertraute Umgebung, das richtige Licht und Achtsamkeit. Eberbach ist hier nicht nur Kulisse, sondern ein vollwertiger Teil der Geschichte geworden - leise, unaufdringlich, aber sehr präsent.